Working whistleblower – Alltag an unseren Arbeitsplätzen

veröffentlicht am: 19 Nov, 2014

Victor hat eine Ausbildung bei der Deutschen Telekom in Nürnberg gemacht und arbeitet dort aktuell in einem Verkaufs-und Beratungsshop.
„Eine Ausbildung bei der Telekom, das hieß bei mir: Stress, 40-Stunden-Woche und der Chef geht dir auf die Nerven. Es gab keinen direkten Ansprechpartner, Anleiter oder etwas Ähnliches. Stattdessen gibt es dort sogenannte „Lernprozessbegleiter“, aber das sind einfach reguläre Mitarbeiter, die man in der Realität selten zu Gesicht bekommt. Darunter leidet die Ausbildungsqualität. Wir wurden eigentlich sofort ins kalte Wasser geschmissen, sollten im Shop Kunden beraten, verkaufen, auch viele technische Sachen wissen und das Alles nach nur einer kurzen Anlernzeit. Dabei gibt es je nach Einsatzort unterschiedliche Schwierigkeiten. Im Shop zum Beispiel soll man keine Überstunden aufbauen. Aber wenn man kurz vor Schluss noch im Verkaufsgespräch ist und das länger dauert, dann ist das eben so, nach dieser Zeit fragt keiner. Das war bei mir so, und auch bei einem Freund, der seine Ausbildung im Callcenter bei der Telekom gemacht hat.
Er hat dort die Telefon-Kundenhotline betreut, im ständigen Schichtdienst, mit Wechsel zwischen Früh-Spät-und gleich wieder Frühdienst. Die Kollegen dort sind in Teams organisiert, die bestimmte Standards bei Vertragsabschlüssen, Beschwerdebearbeitung u.s.w einhalten müssen. Schwierig ist dort vor allem, dass die Auszubildenden als volle Teammitglieder zählen, die auch ihre Zahlen bringen müssen, obwohl sie eigentlich noch in der Ausbildung sind und etwas lernen sollen. Es gibt tausend Sachen, die man im Kundengespräch in möglichst kurzer Zeit ansprechen und beachten soll, gleichzeitig darf der Kunde aber nicht gleich wieder anrufen. Da herrscht ein ständiger Druck.
Ein großer Kritikpunkt, der auch von der Telekom-Ausbildungsvertretung (AV) immer wieder kritisiert wird, ist das System, Jugendliche nach bestandener Ausbildung nicht ordentlich zu übernehmen, sondern sie in der konzerneigenen Leiharbeitsfirma „Vivento“ zu beschäftigen. Als sich die SDAJ in Nürnberg in Vorbereitung auf eine Outing-Aktion bei der Telekom mit all diesen Zuständen auseinandergesetzt und dazu recherchiert hat, kam noch eine weitere Sache ans Licht: Die Telekom beschäftigt zu einem hohen Anteil Jugendliche im berufsvorbereitenden Jahr, die ihr über die Arbeitsagentur vermittelt werden. Diese Jugendlichen arbeiten für ein geringes Entgelt, das vom Amt bezahlt wird, nach einer kurzen Anlernzeit häufig im Shop. Verkauft wird das Ganze als Einstiegsqualifikation, aber meistens gibt es für diese Jugendlichen keine Übernahme in Arbeit oder Ausbildung. Das alles sind Zustände bei dem „Vorzeigeunternehmen Telekom“ die angeprangert werden müssen und gegen die gekämpft werden muss.“

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POSITION #5/2019

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