Marxistischer Spickzettel: Der 1. Weltkrieg und die Kriegsschuldfrage

veröffentlicht am: 1 Aug, 2014

Von Zäunen, Schlafwandlern und Schlitterern

2014 – Der Erste Weltkrieg jährt sich zum hundertsten Mal, und zum hundertsten Mal stellt man sich die Frage, wer denn jetzt an diesem Krieg die Schuld trägt. Christopher Clark, Historiker in Cambridge, behauptet, dass an diesem Krieg niemand die Schuld trägt. Die These seines neuen Buches ist, dass die europäischen Mächte 1914 in den Krieg „geschlafwandelt“ seien. Clark wärmt damit, wenn auch mit einer neuen Metapher, Lloyd Georges These vom „Hineinschlittern“ wieder auf. Aber ist Personalisierung und Psychologisierung von Kriegen eine wirklich gute Erklärung für die Millionen Opfer?

Der Erste Weltkrieg war ein Krieg zur Durchsetzung ökonomischer Interessen und um die Vormachtstellung in Europa und der Welt. Insbesondere der deutsche Imperialismus, der bei der Verteilung der Kolonien „zu kurz gekommen“ war und jetzt auf die „Neuaufteilung der Welt“ (Lenin) drängte. Hier kämpfte schlussendlich jedes imperialistische Land, teilweise in Bündnissen, gegeneinander um die Vorherrschaft in Europa und damit über die Neuaufteilung der Welt. Es ging vor allem um die Erschließung neuer Absatzmärkte und die Eroberung von Rohstoffquellen, durchgesetzt durch die politische Herrschaft der imperialistischen Staaten. Reichskanzler Bethmann Hollweg legte im „September-Programm“ von 1914 die Kriegsziele des Deutschen Reiches dar:

In wenigen Punkten formulierte er damit ein Annexionsprogramm getreu den Gelüsten der deutschen Schwerindustrie. So sollten z.B. Teile von Frankreich, Belgien und den Niederlanden direkt vom Reich annektiert bzw. zu abhängigen Vasallenstaaten werden und die wichtigen Häfen an der französischen Nordküste unter deutsche Herrschaft kommen. Frankreich sollte ein Handelsvertrag aufgezwungen werden, „der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt, es zu unserem Exportland macht und uns ermöglicht, den englischen Handel in Frankreich auszuschalten.“ Ferner sei „die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes“ zu erreichen: „Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

Fritz Fischer, westdeutscher Historiker, thematisierte in seinem Buch „Der Griff nach der Weltmacht“, dass die deutsche (Schwer)Industrie in der Vorkriegszeit in ihrer Wachstumsdynamik, als auch in absoluten Zahlen den anderen Großmächten, bis auf die USA, weit überlegen war. Es entstand eine Kluft zwischen der wirtschaftlichen Stärke und den Möglichkeiten, diese politisch durchsetzen zu können. Folgerichtig spricht Fischer auch nicht von Schlafwandlern, sondern vom Deutschen Reich, das den Krieg „vom Zaun gebrochen“ habe. Damit widerspricht er der heutigen „Forschung“, wenn sie behauptet, der Krieg ist deshalb entstanden, weil sich ein paar Politiker und Militärs nicht leiden konnten bzw. an Größenwahn litten. Den Beweis für die klaren Absichten der deutschen Kriegstreiber in Kabinett, Militär und Chefetagen lieferte Fischer mit seinem Buch und insbesondere mit der Veröffentlichung des Septemberprogramms. Schon damals bekam er Gegenwind: So Gerhard Ritter, ehem. Prof. Uni Freiburg: Das „Programm sei ein Höchstmaß dessen […], was sich an Mäßigung erreichen ließ“. Und nicht zufällig erschien 2013 ein neues Buch des deutschen Politikwissenschaftlers Münkler, der die Kriegszieldebatte mal eben als „Folge fehlender politischer Zwecksetzung und deren Kompensation durch Ausdeutung des Krieges“ ins Gegenteil verklärt. Das Etikett „Schlafwandler“ wirkt für derlei Gestalten geradezu beschönigend.

Omar, Tübingen

Literatur zum Weiterlesen:
Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 1964
 

Im Schulbuch steht rechter Unsinn? LehrerInnen trichtern euch reaktionäre Inhalte ein? Du weißt nicht, was du dagegen sagen sollst? Das hat fast jede/r schon erlebt – denn unsere Schulen haben eben auch den Auftrag, die Ideologie der Herrschenden zu verbreiten. POSITION hilft mit dem marxistischen Spickzettel!

Zu welchem Thema brauchst du einen Spickzettel? Schreib an zeitungkollektiv@sdaj.org

 

100 Jahre Widerstand

 

SDAJ Aachen
SDAJ Augsburg
SDAJ Bamberg
SDAJ Barsbüttel
SDAJ Berlin
SDAJ Blankenfelde-Mahlow
SDAJ Bochum
SDAJ Bonn
SDAJ Bremen-Oldenburg
SDAJ Cottbus
SDAJ Dresden
SDAJ Düsseldorf
SDAJ Essen
SDAJ Frankenberg
SDAJ Frankfurt
SDAJ Gießen
SDAJ Göttingen
SDAJ Hamburg
SDAJ Hannover
SDAJ Karlsruhe
SDAJ Kassel
SDAJ Kiel
SDAJ Köln
SDAJ Landau
SDAJ Leipzig
SDAJ Limburg-Weilburg
SDAJ Lübeck Süd/Ost-Holstein
SDAJ Mainz
SDAJ Mannheim
SDAJ Marburg
SDAJ Mu?nster
SDAJ München
SDAJ Neumarkt
SDAJ Neuss
SDAJ Nürnberg
SDAJ Osnabrück
SDAJ Ostwestfalen-Lippe
SDAJ Rostock
SDAJ Schwerin
SDAJ Siegen
SDAJ Solingen
SDAJ Stralsund
SDAJ Stuttgart
SDAJ Trier
SDAJ Tübingen
SDAJ Ulm
SDAJ Witten
SDAJ Würzburg

POSITION #5/2019

mehr zum Thema

Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?

Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?

Wie kommt die Scheiße in die Köpfe? Über die Propaganda der Herrschenden Es geschieht so viel in der Welt, dass es nicht annähernd möglich ist, die Hintergründe bestimmter Vorgänge sofort einschätzen und sich eine eigene Meinung bilden zu können. Was hat es mit dem...

mehr lesen
Krisenupdate – same procedure as everytime

Krisenupdate – same procedure as everytime

Same procedure as everytime 3,3 Millionen Menschen sind laut „Institut für Wirtschaftsforschung“ weiterhin auf Kurzarbeit, und auch was die Arbeitslosenzahlen angeht, liegen wir bei 6%. Da hat nur die Saisonarbeit ein bisschen was nach oben korrigiert. Das fickt schon...

mehr lesen

Die USA haben gewählt Einen Politikwechsel im Weißen Haus wird es unter Biden nicht geben Der 46. Präsident von “Mordamerika” (Peter Hacks) wird Joseph Robinette “Joe” Biden Jr. Dies musste zuletzt auch Donald Trump einsehen, nachdem immer mehr seiner Klagen gegen...

mehr lesen