Marxistischer Spickzettel: Der 1. Weltkrieg und die Kriegsschuldfrage

Von Zäunen, Schlafwandlern und Schlitterern

2014 – Der Erste Weltkrieg jährt sich zum hundertsten Mal, und zum hundertsten Mal stellt man sich die Frage, wer denn jetzt an diesem Krieg die Schuld trägt. Christopher Clark, Historiker in Cambridge, behauptet, dass an diesem Krieg niemand die Schuld trägt. Die These seines neuen Buches ist, dass die europäischen Mächte 1914 in den Krieg „geschlafwandelt“ seien. Clark wärmt damit, wenn auch mit einer neuen Metapher, Lloyd Georges These vom „Hineinschlittern“ wieder auf. Aber ist Personalisierung und Psychologisierung von Kriegen eine wirklich gute Erklärung für die Millionen Opfer?

Der Erste Weltkrieg war ein Krieg zur Durchsetzung ökonomischer Interessen und um die Vormachtstellung in Europa und der Welt. Insbesondere der deutsche Imperialismus, der bei der Verteilung der Kolonien „zu kurz gekommen“ war und jetzt auf die „Neuaufteilung der Welt“ (Lenin) drängte. Hier kämpfte schlussendlich jedes imperialistische Land, teilweise in Bündnissen, gegeneinander um die Vorherrschaft in Europa und damit über die Neuaufteilung der Welt. Es ging vor allem um die Erschließung neuer Absatzmärkte und die Eroberung von Rohstoffquellen, durchgesetzt durch die politische Herrschaft der imperialistischen Staaten. Reichskanzler Bethmann Hollweg legte im „September-Programm“ von 1914 die Kriegsziele des Deutschen Reiches dar:

In wenigen Punkten formulierte er damit ein Annexionsprogramm getreu den Gelüsten der deutschen Schwerindustrie. So sollten z.B. Teile von Frankreich, Belgien und den Niederlanden direkt vom Reich annektiert bzw. zu abhängigen Vasallenstaaten werden und die wichtigen Häfen an der französischen Nordküste unter deutsche Herrschaft kommen. Frankreich sollte ein Handelsvertrag aufgezwungen werden, „der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt, es zu unserem Exportland macht und uns ermöglicht, den englischen Handel in Frankreich auszuschalten.“ Ferner sei „die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes“ zu erreichen: „Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

Fritz Fischer, westdeutscher Historiker, thematisierte in seinem Buch „Der Griff nach der Weltmacht“, dass die deutsche (Schwer)Industrie in der Vorkriegszeit in ihrer Wachstumsdynamik, als auch in absoluten Zahlen den anderen Großmächten, bis auf die USA, weit überlegen war. Es entstand eine Kluft zwischen der wirtschaftlichen Stärke und den Möglichkeiten, diese politisch durchsetzen zu können. Folgerichtig spricht Fischer auch nicht von Schlafwandlern, sondern vom Deutschen Reich, das den Krieg „vom Zaun gebrochen“ habe. Damit widerspricht er der heutigen „Forschung“, wenn sie behauptet, der Krieg ist deshalb entstanden, weil sich ein paar Politiker und Militärs nicht leiden konnten bzw. an Größenwahn litten. Den Beweis für die klaren Absichten der deutschen Kriegstreiber in Kabinett, Militär und Chefetagen lieferte Fischer mit seinem Buch und insbesondere mit der Veröffentlichung des Septemberprogramms. Schon damals bekam er Gegenwind: So Gerhard Ritter, ehem. Prof. Uni Freiburg: Das „Programm sei ein Höchstmaß dessen […], was sich an Mäßigung erreichen ließ“. Und nicht zufällig erschien 2013 ein neues Buch des deutschen Politikwissenschaftlers Münkler, der die Kriegszieldebatte mal eben als „Folge fehlender politischer Zwecksetzung und deren Kompensation durch Ausdeutung des Krieges“ ins Gegenteil verklärt. Das Etikett „Schlafwandler“ wirkt für derlei Gestalten geradezu beschönigend.

Omar, Tübingen

Literatur zum Weiterlesen:
Fritz Fischer: Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18. Düsseldorf 1964
 

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