Irgendwo müssen wir doch hin

Wohnungssuche im Kapitalismus

Zur Zeit sind wieder einmal tausende junge Menschen auf Wohnungssuche. Zum einen hat das neue Ausbildungsjahr begonnen und was wäre schöner, als nun endlich in eine eigene WG oder Wohnung zu ziehen? Zudem ist auch bald Semesterbeginn und tausende Studierende sind auf der Suche nach einer Bleibe.

Ohne Moos nichts los

Häufig platzt der Traum vom selbstständigen Wohnen schon beim Blick in den Geldbeutel. In vielen Branchen ist die Ausbildungsvergütung von Azubis weiterhin so gering, dass es schlicht unmöglich ist, davon ein eigenständiges Leben zu finanzieren. Auch vielen Studierenden geht es nicht anders. Wenn nicht auch hier die Eltern finanzielle Unterstützung leisten, ist man meist auf einen Minijob oder BAföG-Zahlungen angewiesen.

Dass die Sache mit dem BAföG bei weitem nicht so einfach ist, wie es uns immer versprochen wird, davon können Viele ein Lied singen. Selbst wenn man zu denen gehört, die es geschafft haben, in dem Dschungel aus Vorschriften und Bürokratie einen rechtmäßigen Anspruch nachzuweisen, kann man sich nicht darauf verlassen. Unerwartete Kürzungen und verspätete Zahlungen gehören für Viele zum alltäglichen Kampf mit dem BAföG-Amt. Dass es noch absurder geht, zeigt ein Beispiel aus Essen. Der Betroffene schildert das Dilemma so: „Ich bekomme nur den vollen BAföG-Satz, wenn ich mit einem Mietvertrag nachweisen kann, dass ich einen Zuschuss zur Miete brauche. Die Wohnung, für die das BAföG gedacht ist, bekomme ich aber erst mit gültigem BAföG-Bescheid.“

Wohnen nur für Vermögende

Ähnlich absurd ist es, wenn man Wohngeld beantragen will. Anspruch darauf hat nur, wer grundsätzlich nachweisen kann, dass er seinen Lebensunterhalt, samt Wohnung, auch ohne Wohngeld bestreiten könnte. Tatjana beschreibt das wie folgt: „Die Sachbearbeiterin erklärte mir, Wohngeld sei keine Leistung zur Grundsicherung, ich müsse also irgendwie nachweisen, dass ich nicht auf Wohngeld angewiesen bin, um Wohngeld zu bekommen. Auf meine Frage, wie das geht, meinte sie „durch ein entsprechend hohes Einkommen. Oder haben Sie vielleicht irgendwelche Vermögenswerte?“. Ich hab gefragt, wie es denn sein kann, dass ich erst einen Vermögensnachweis vorlegen muss, um Wohngeld zu bekommen. Sie sagte es sei eben keine Leistung zur Existenzsicherung, sondern nur eine Zuschussleistung.“

Immer mehr VermieterInnen verlangen, neben der ohnehin beinahe flächendeckend üblichen Kaution in Höhe von drei Monatsmieten, zusätzlich einen Einkommensnachweis oder eine Bürgschaft. Auch das ist in vielen Fällen schwieriger als gedacht. Mal ganz davon abgesehen, was es eigentlich den Vermieter angeht, wieviel ich verdiene. Oft reicht es nicht mal aus, über ein gewisses, regelmäßiges Einkommen zu verfügen. Um die Wohnung zu bekommen, muss auch ein gewisser Betrag überstiegen werden, sonst wird eine Bürgschaft verlangt. Das zeigt ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Menschen mit geringerem Einkommen, diese würden ihre Mieten unzuverlässiger bezahlen. Statt die Höhe der Einkommen zu ändern, wird von den MieterInnen verlangt, Sicherheiten in Form von Bürgschaften Dritter zu gewähren. Was soll man aber tun, wenn man niemanden hat, der die Bürgschaft übernehmen kann oder will?

Svenja hatte genau dieses Problem, als sie nach der Zusage für einen Studienplatz auf der Suche nach einer Wohnung war. „Ich habe die Zusage der Uni erst im September bekommen und hatte weniger als einen Monat Zeit, eine Wohnung zu finden. Und dann brauchte ich trotz Stipendium jemanden, der für mich bürgt, weil der Wohnungsbaugesellschaft das monatliche Einkommen nicht ausreichte. Und das trotz der vergleichsweise niedrigen Mieten in Rostock-Lichtenhagen. Sie verlangten, dass man einen monatlichen Nettoverdienst von mindestens drei Warmmieten nachweisen kann. Damit hätte ich nie gerechnet.“

Eine/r von Vielen

Wenn man dann festgestellt hat, dass man sich eigenes Wohnen doch irgendwie leisten könnte, kommt das zweite große Problem: überhaupt eine Wohnung finden. Seit Jahren gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum und die Situation spitzt sich immer weiter zu.

Viele VermieterInnen machen schon in den Wohnungsanzeigen klar, dass generell nur an Berufstätige vermietet wird. Andere versuchen, mit enorm hohen Kautionen oder Klauseln zu jahrelanger Mindestmietzeit abschreckend zu wirken. Oder die Wohnungen sind einfach nur zu teuer. Gerade in größeren Städten explodieren die Mietpreise aufgrund der allgemeinen Wohnungsknappheit in den letzten Jahren geradezu. Auch die kürzlich eingeführte Mietpreisbremse zeigt sich dabei überwiegend wirkungslos, kann sie doch mit Luxussanierungen so schön umgangen werden.

Fabian wollte näher an seine Ausbildungsstätte ziehen und beschreibt die Wohnungssuche so: „Ich wollte mit einem Freund zusammenziehen, weil ich mir alleine keine Wohnung leisten kann. Es war wirklich anstrengend, überhaupt erstmal einen Besichtigungstermin zu bekommen. Viele VermieterInnen wollten keine Wohngemeinschaft haben. Einer hat sogar direkt wieder aufgelegt. Da kommt man sich irgendwann ziemlich blöd vor. Ich habe dann auch versucht, erstmal irgendwie an ein WG-Zimmer zu kommen, aber wenn man hört, dass die über fünfzig Leute zum Casting eingeladen haben, macht man sich nicht mehr viel Hoffnung.“

Keine Besserung in Sicht

Hat man dann Ausbildung oder Studium beendet, wird die Wohnungssuche nicht automatisch einfacher. Selbst wenn man einen Job gefunden hat, nutzen viele VermieterInnen die Tatsache, dass es eine Probezeit oder Befristung gibt, um trotzdem Bürgschaften einzufordern. Am Beispiel der Wohnungssuche lassen sich etliche Probleme zeigen, mit denen wir als junge Menschen im Kapitalismus täglich zu kämpfen haben. Was wir dringend brauchen, ist ausreichend bezahlbarer Wohnraum, elternunabhängiges BAföG sowie eine Ausbildungsvergütung, die für ein eigenständiges Leben reicht. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit niedrigen Löhnen, Befristungen, unbezahlten Praktika oder Leiharbeit machen uns das Leben zusätzlich schwer und müssen konsequent bekämpft werden.

Pia, Kiel