Verelendung

Verelendung ist der traditionelle Begriff für die Verschlechterung der materiellen Lebenssituation der arbeitenden Bevölkerung. Absolute Verelendung bedeutet, dass die Masse der Güter, die die Angehörigen der arbeitenden und arbeitslosen Bevölkerung konsumieren können, kleiner wird. Eine solche absolute Verschlechterung ihrer Lebenssituation ist für die Betroffenen tatsächlich alltäglich spürbar. ‘Relative Verelendung’ hingegen bedeutet, dass sich die Lage der arbeitenden Menschen im Verhältnis zur Lage der Kapitalisten verschlechtert. Diese relative Verelendung kann durchaus von einem steigenden Lebensstandard der unteren Bevölkerungsschichten begleitet sein. In diesem Fall steigt die Masse der von den Arbeitenden und ihren Familien konsumierten Gütern an, der Reichtum der Oberschichten wächst jedoch noch schneller. Obwohl der materielle Wohlstand der einzelnen Arbeiter zunimmt, nimmt der Anteil der arbeitenden Bevölkerung am gesellschaftlichen Reichtum ab.

Tendenz relativer Verelendung

In der Geschichte des Kapitalismus sind immer wieder Theoretiker aufgetreten, die behauptet haben, das Sinken der Arbeitseinkommen auf ein absolutes Elendsniveau sei das unentrinnbare Los der Arbeiterklasse. Prominente Vertreter derartiger Ansichten waren der reaktionäre englische Priester Thomas Malthus (1766-1834) und der deutsche Sozialdemokrat Ferdinand Lassalle (1825-1864). Karl Marx hat dieser Sichtweise scharf widersprochen. Die Arbeiter der Industrieländer waren und sind durchaus in der Lage, mittels sozialer und politischer Kämpfe eine deutliche Verbesserung ihrer Lebenssituation zu erreichen. Allerdings weist Marx nach, dass sich die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums im Verlauf der Geschichte des Kapitalismus notwendig zugunsten der herrschenden Klasse verschieben muss. Im Zuge der ökonomischen Entwicklung eignen sich die Kapitalisten immer größere Anteile des gesellschaftlichen Reichtums an. D.h.: Im Kapitalismus existiert eine Tendenz zur relativen Verelendung der Arbeiterklasse.

Arme immer ärmer

Aus der Möglichkeit einer Verbesserung der Lebenssituation der arbeitenden Menschen folgt nicht, dass das Phänomen der absoluten Verelendung aus der Welt geschafft wäre. Nach Angaben der Weltbank leben weltweit ca. 1,2 Milliarden Menschen in absoluter Armut (d.h. von weniger als 1,25 Dollar pro Tag). Selbst in den westlichen Industrieländern ist das historisch erreichte Lohn- und Sozialleistungsniveau stets gefährdet. Lässt die Kampfkraft der Arbeiterklasse nach, dann setzen die Kapitalisten Einkommenssenkungen durch. Schwere Wirtschaftskrisen führen zu erheblichen sozialen Verwerfungen und zur Ausbreitung krasser Formen von Armut.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung resümiert die jüngste Entwicklung in der BRD wie folgt: „Sowohl die absoluten als auch die relativen Einkommensdifferenzen [haben] seit 1993 stark zugenommen […] Die Einkommensschere zwischen den Beziehern von niedrigen und hohen Einkommen hat sich in Deutschland weiter geöffnet. […] Das heißt nichts anderes, als dass die Ärmeren nicht nur immer mehr geworden sind, sondern sie im Durchschnitt auch immer ärmer werden.“