We love Trash-TV

Wie skandalöse Formate unsere Fernsehkultur prägen

Angefangen bei Kochen, Backen, Singen und Tanzen, über Diät machen und einen Job finden, sogar sich verlieben, heiraten und Kinder erziehen – alles kann man heute in einer Show machen anstatt privat, begleitet von Kameras und einem Millionenpublikum vor dem Fernseher.

Hoffnung und Provokation

Man kann viel über die Gründe zur Teilnahme spekulieren. Ist es der Wunsch nach Aufmerksamkeit, die Hoffnung auf schnell verdientes Geld oder tatsächlich der Traum, etwas Besseres aus seinem Leben zu machen? Inhaltlich gibt es diverse Kritikpunkte. Viele Formate sind so sehr aufs Bloßstellen der Kandidaten ausgelegt, dass schnell die Grenzen des guten Geschmacks erreicht sind. Aber auch das scheint den Quoten nicht zu schaden. Ganz im Gegenteil: Je provokanter, desto besser. Untergewichtige Models und ein frauenverachtendes Gesamtbild bei Germany’s next topmodel, Konkurrenzkampf schon unter Kindern bei „Chopped Junior, kleine Meisterköche“ – es fehlt nicht an Negativschlagzeilen.

Unterhaltung durch Schadenfreude?

Warum macht es uns so viel Spaß Anderen beim Konkurrenzkampf und notwendigerweise auch beim Scheitern und Blamieren zuzusehen? Es ist bei weitem nicht nur die reine Freude am Fremdschämen. Bei vielen Zuschauern sorgt es für die ultimative Entspannung, den Kopf einfach mal auszuschalten und neben dem eigenen, stressigen Alltag Anderen bei ihrem Leben zuzusehen.

Der Sozialwissenschaftler David Salomon weißt außerdem auf einen gesellschaftlichen Nutzen dieser TV-Formate hin: „Die ökonomische Funktion dieser Serien ist rasch beschrieben: Sie dienen als Lückenfüller zu unattraktiven Sendezeiten und als Trägermedien für ausgedehnte Werbeblöcke. Etwas komplizierter ist es, das Zielpublikum zu bestimmen. Im Großen und Ganzen dürfte es das Nämliche sein, an das sich schon die alten Talkshows richteten: An alle, die zur Nachmittagszeit zu Hause sind, also keineswegs ausschließlich an Arbeitslose, Hausfrauen und Schüler, sondern auch an Studenten und freischaffende Heimarbeiter.“ Es ist also lange nicht so, dass nur eine bestimmte Bildungs- und/oder Einkommensschicht mit Trash-TV versorgt werden soll.

Konkurrenzkampf ohne Ende

Es sagt viel über den Grad an Konkurrenzkampf in unserer Gesellschaft aus, dass es uns wie Entspannung vorkommt, zur Abwechslung mal unbeteiligter Zuschauer beim täglichen Kampf Anderer zu sein. Konkurrenz und Ellenbogenmentalität begleiten uns alltäglich in Schule, Ausbildung und Beruf. Es scheint absurd, dass etliche erfolgreiche Shows nun genau auf diesem Prinzip aufbauen, doch solange private Fernsehsender bestimmen was läuft, haben wir kaum andere Möglichkeiten. Auf fast allen Kanälen finden sich Sendungen ähnlichen Formats, die längst ein fester Bestandteil der Fernsehkultur geworden sind. Letztlich sind sie wohl das passende Unterhaltungsformat, um die gesellschaftliche Spaltung weiter zu vertiefen. Denn wenn ich über denjenigen lachen kann, dem es scheinbar schlechter geht oder der wohl dümmer ist als ich, kann ich mich gut von den Problemen in meinem eigenen Leben ablenken. Am Ende freuen sich als Verursacher der Probleme diejenigen, die von unserer Spaltung und Konkurenz im Kapitalismus leben.

Pia, Kiel