K wie Konterrevolution

Theorie-Reihe „ABC des Kommunismus“

Für den Umbruch in Sowjetunion und DDR der Jahre 1989 bis 1991 gibt es in Medien und Politik verschiedenste Begriffe – Wende, Mauerfall oder gar friedliche Revolution. Konterrevolution gehört allerdings nicht dazu. Bestenfalls bestimmen bürgerliche Ideologen die Ereignisse auf der Erscheinungsebene, schlimmstenfalls wird das Geschehene einfach in sein Gegenteil verkehrt. Warum von einer Konterrevolution sprechen?

Von der weißen Garde bis zu Solidarnosc

Das Kleine Politische Wörterbuch von 1964 definiert Konterrevolution als „Klassenkampf gestürzter Ausbeuterklassen“ mit dem Ziel, „die Errungenschaften einer Revolution rückgängig zu machen, vor allem den noch ungefestigten neuen Staat zu stürzen und die reaktionäre Staatsmacht zu restaurieren.“ Dass sich das nicht nur kurz nach der Revolution, sondern auch in der DDR, wo das Lexikon erschienen ist, ereignen könnte, hätten sich die Verfasser offenbar kaum träumen lassen. Die Ziele haben die Herrschenden unzweifelhaft erreicht, mit der Revolution erkämpfte Rechte und Sicherheiten sind dahin: 1991 schoss die Armut in Russland innerhalb eines Jahres von 14 Prozent auf über die Hälfte der Bevölkerung. Den DDR-Bürgern hatte Bundeskanzler Helmut Kohl „blühende Landschaften“ versprochen. Heute blüht einiges in den verlassenen Fabrikgebäuden der Ost-Bundesländer, während Jugendliche ohne Perspektive Städte und Dörfer verlassen.

Doch wer hat den Klassenkampf der „gestürzten Ausbeuterklassen“ vorangetrieben? Dem Westen war die gelebte Alternative zum Kapitalismus stets ein Dorn im Auge. Militärisch zwang er den sozialistischen Staaten ein Wettrüsten auf und unterstützte gleichzeitig jedes Grüppchen, das ihnen feindlich gegenüber stand oder ihnen schadete – von den Weißen Garden nach 1917 bis zur Solidarnosc-Bewegung. US-Präsident George Bush senior brüstete sich 1991 damit, dass „die Vereinigten Staaten für die Liquidierung der Sowjetunion fünf Billionen Dollar ausgegeben“ hätten.

Glasnost und Perestroika

Vom Imperialismus hätten wir ja nichts anderes erwartet, doch die Konterrevolution wurde auch von innen getragen. Michail Gorbatschow bereitete sie mit den wohlklingenden Reformpaketen „Offenheit“ (Glasnost) und „Umgestaltung“ (Perestroika) Ende der 80er Jahre vor. Letztere legalisierte Privatunternehmen und untergrub die zentrale Planung. Die Kommunistische Partei KPdSU zerfleischte sich selbst, während erste Teilrepubliken die Union bereits verließen, bis Jelzin mit deren Auflösung dem Sozialismus den Todesstoß versetzte. Klar ist aber auch, dass diese Entwicklung nicht erst mit Gorbatschow begonnen hat. Immer mehr Marktelemente, verknöcherte Strukturen und ideologische Schwachstellen hatten den Weg dorthin bereitet.

Die ehemals sozialistischen Republiken sind heute wieder fest in den Händen des Kapitals. Die imperialistischen Staaten haben ihren Einfluss ausgeweitet – auch mit kriegerischen Mitteln, wie der Kosovo-Krieg belegt. Dort wo heute Kämpfe um Einflusssphären stattfinden, geschieht das nicht selten durch „friedliche“ farbige Revolutionen. Doch trotz der Bilder protestierender Menschen in der Tagesschau haben diese Vorgänge mit einer Revolution, dem Sturz einer Ausbeuterordnung, heute ebenso wenig zu tun wie damals.

Lena, Berlin