Beschäftigte in der Pflege

Annähernd 1,2 Millionen Beschäftigte arbeiteten Ende 2013 in der Bundesrepublik als Pflegefachkraft beziehungsweise Pflegehelfer. Innerhalb des Gesundheitsbereich stellen sie damit die größte Berufsgruppe dar. Deren überwiegende Menge ist weiblich: der Frauenanteil in der Pflege liegt zwischen 80 und 90 Prozent. Doch Pflege ist nicht gleich Pflege. Eine erste Unterscheidung, die in jedem Fall mitgedacht werden muss, ist die zwischen Krankenpflege auf der einen und Altenpflege auf der anderen. Entsprechend gliedern sich die Pflegeberufe wie folgt:
Krankenpflegefachkräfte: 576.842
Altenpflegefachkräfte: 219.246
Helfer in der Krankenpflege: 125.803
Helfer in der Altenpflege: 192.112
Spezialisten in der Fachkrankenpflege: 71.276 (vergleichsweise gut bezahlte Beschäftigte mit
Zusatzausbildung, bspw. Intensivpflege)
In beiden Bereichen herrscht ein großer Personalmangel. Die Gewerkschaft geht ver.di davon aus, dass schon heute in Krankenhäusern gut 70.000 Vollzeitstellen in der Pflege fehlen. In der Altenpflege sind es „auf mittlere Sicht“ 142.000 ausgebildete Altenpflegerinnen. Die Beschäftigtenzahl entwickelt sich in Altenpflege und Krankenpflege durchaus unterschiedlich. Über die Entwicklung der Beschäftigtenzahl in Krankenhäusern zwischen 1991 und 2010 schreibt
das Statistische Bundesamt: Es habe einen »Abbau der Zahl der Vollkrafte im Pflegedienst um gut 6%« gegeben. Die Altenpflege ist hingegen ein wachsender Bereich, hier scheint auch die Beschäftigung zu steigen. So wird in der neusten Pflegestatistik, die Aufschluss über die Pflegesituation Ende 2013 gibt, geschrieben: Im Vergleich zu den Zahlen von Ende 2011 stieg die Personalzahl bei ambulanten Pflegediensten um ganze 10,1 Prozent und in Pflegeheimen um 3,7 Prozent – jedoch oft in Teilzeitstellen. Dazu passt auch, dass im Lehrjahr 2013/2014 26.700 Auszubildende eine Lehre in der Altenpflege angefangen haben, fast 14 Prozent mehr als im Vorjahr.
Entsprechend deutet sich folgendes Bild an: In der Krankenpflege haben wir einen Abbau an PflegerInnen, die von Seiten der Krankenhäuser bewusst oder unter Sparnot abgebaut werden. In der Altenpflege kommt der steigende Personalbestand nicht mit der ebenfalls enorm anwachsenden Zahl der offiziell Pflegebedürftigen (mittlerweile 2,6 Millionen) mit.
Die größte Not ist die Personalnot Damit deutet sich auch das Hauptproblem an, auf das wir im Bereich der Pflege stoßen: die
drängende Personalnot. Hier sieht es in allen Bereichen gleich aus, es sind schlicht zu wenig Menschen für die Arbeit am Menschen da. In praktisch jedem Gespräch mit einem in der Pflege arbeitenden hat sich bislang auch gezeigt, dass dieser Zustand von den Beschäftigten als der schlimmste wahrgenommen wird. So sagte etwa Guy Hofmann von der Aktion Pflege am Boden gegenüber der jungen Welt vom 17. Oktober 2014: »Überhaupt fordern die Kollegen, und zwar bundesweit, seit Monaten mehr Personal und mehr Anerkennung. (…) Die Frage nach mehr Geld kommt erst an dritter bis fünfter Stelle.«
Das mangelnde Personal führt natürlich zu Folgeproblemen: Stress, Überforderung, Gesundheitsrisiken für die Gepflegten. In einer bemerkenswerten Aktion fand ver.di beispielsweise heraus, dass bei Nachtschichten sehr häufig eine einzige Fachkraft für eine Station von meist mehr als 25 Personen zuständig ist. »So sei der Stichprobe zufolge immer seltener Gelegenheit, die
vorgeschriebenen Hygieneprozeduren einzuhalten und beispielsweise die Hände zu desinfizieren. Gleichzeitig litten auch immer mehr Pflegekräfte unter den Folgen der Belastung«, schreibt ver.di dazu.
Es deutet sich hier bereits an: Für die Ausbildung der PflegeschülerInnen bleibt selten ausreichend Zeit. Das kann durchaus zu verschiedenen negativen Auswirkungen führen. Einerseits die Überforderung, wenn von den PflegeschülerInnen erwartet wird, dass sie Aufgaben übernehmen, für die sie noch gar nicht qualifiziert sind. Andererseits ist der Umgangston unter den KollegInnen nicht selten sehr rau. Die Pflegeschüler werden dann von ihren erfahreneren KollegInnen als Last oder Hemmnis wahrgenommen, das die Abläufe verlangsamt, die doch schon auf Kante berechnet sind.

Ausbildungsfinanzierung in der Krankenpflege:

Das nur allzu häufig für die Ausbildung in der Krankenpflege nicht genügend Personal und finanzielle Mittel zur Verfügung stehen ist eine besonders paradoxe Situation. Seit 2006 hat sich die Ausbildungsfinanzierung der Krankenpflegeausbildungen geändert, so dass fast die gesamten Kosten der Ausbildung schlussendlich von den Krankenversicherten und nicht von den
Arbeitgebern finanziert werden. Dies läuft über sogenannte Ausgleichfonds die auf Landesebene bei den Landeskrankenhausgesellschaften (LKG) errichtet und auch durch sie verwaltet werden. Von rund 2000 Krankenhäusern in Deutschland bilden in etwa 800 aus, jedoch sind alle verpflichtet in diese Ausgleichsfonds, zur Finanzierung der Ausbildung in der Krankenpflege, einzuzahlen. Diese Einzahlungen rechnen die Krankenhäuser im Rahmen der Fallpauschalen wiederum bei den Krankenkassen ab und refinanzieren die Ausbildung  „ihrer“ Auszubildenden damit zu nahezu 100% über die Krankenkassen. In der Berechnung was ein Auszubildender in der Krankenpflege kostet werden zuerst alle Kosten
der Ausbildungsstätten (Sach- und Personalkosten) sowie die Kosten der Ausbildungsvergütungen und alle Zusatzkosten die aus Verpflichtungen des Krankenpflegegesetzes entstehen (dies sind vor allem die Sach- und Personalkosten für die Praxisanleitung) zusammengerechnet. Nun haben sich die Arbeitgeber in den Verhandlungen um dieses Finanzierungsmodell darauf eingelassen einzugestehen, dass Auszubildende im Arbeitsalltag eines Krankenhauses auch Arbeit leisten welche dem Unternehmen ja Einsparungen einbringt da sie für diese Arbeit keine Examinierten Fachkräfte einstellen müssen. Diese Einsparungen werden von den Kosten abgezogen die die Krankenhäuser den Krankenkassen in Rechnung stellen können. Hier wird mit einem Verhältnis von 9,5:1 gerechnet. Das bedeutet konkret, dass gesagt wird dass 9,5 Auszubildenden gleichviel Arbeit leisten wie eine Examinierte Vollzeitarbeitskraft. Dass dies absolut absurder Unsinn ist und Auszubildende
in der Krankenpflege deutliche mehr Arbeit leisten müssen bestätigen alle Statistiken, Umfragen und Berechnungen. Doch darüber wird in der bürgerlichen Presse lieber geschwiegen weil es den Arbeitgebern einiges an Gewinn nehmen würde wenn klar wäre, dass genau wie die Ausbildungskosten auch diese Mehrarbeit die Auszubildende über dieses 9,5 zu 1 Verhältnis leisten direkt von den Krankenversicherten in Deutschland bezahlt wird und nicht von den Arbeitgebern. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Arbeitgeber im Krankenpflegebereich (sowohl öffentliche Einrichtungen als auch private Krankenhauskonzerne) es geschafft haben die gesamten Kosten der Ausbildung und auch einen nicht geringen Teil der Arbeit die von Auszubildenden geleistet wird nicht selber zahlen zu müssen sondern über Umwege von allen Krankenversicherten
in Deutschland bezahlt werden. Die Gewinne die über diesen Weg finanziert werden kommen im Übrigen natürlich nicht denjenigen zu Gute, die es finanzieren, sondern stützen dieses System. Im Krankenhausbereich fordert ver.di Gründen seit Jahren eine gesetzliche Personalbemessung, die den Kliniken einen Mindestbestand an Beschäftigten vorschreiben würde. Anfang März diesen Jahres erklärte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Hilde Mattheis, dass mit einer solchen
frühestens 2019 – wenn überhaupt – zu rechnen sei. Als eine Art Sofortprogramm sollen in den kommenden drei Jahren insgesamt 660 Millionen Euro für die Anstellung neuer KrankenpflegerInnen bereitgestellt werden. Das würde nach Berechnungen von ver.di gerade für eine zusätzliche Stelle pro Krankenhaus reichen. Im vergangenen Jahr ist die Gewerkschaft
deswegen zu anderen Vorgehen übergegangen: An der Berliner Charite führt man einen Arbeitskampf für zusätzliche Vollzeitstellen, seit kurzem sind die KollegInnen dort in den unbefristeten Streik für eine Personalbemessungsgrenze getreten.

In der Altenpflege

Ein spezifisches Problem im Bereich ist die enorm hohe Quote an angelernten Hilfskräften (siehe oben Verhältnis Fachkräfte zu Helfern in der Altenpflege). Während die Ausbildung zur Altenpflegerin drei Jahre dauert, handelt es sich bei den Helfern um rasch angelernte Beschäftigte. Als Beispiel dafür kann die Ausbildung gelten, die man bei den Maltesern in Deutschland
absolviert. Deren Kursdauer: Insgesamt 200 Stunden. Das sei »das Markenzeichen für qualifizierte Ausbildung von Pflegehilfskräften«, wie der Wohlfahrtsverein ganz ohne Ironie schreibt. Nicht selten wird dann Erwerbslosen nahegelegt, doch eine solche Ausbildung zu absolvieren. In der Praxis übernehmen jene angelernten Pfleger dann aber einen Großteil der eigentlichen Pflegearbeit. Die Fachkräfte übernehmen zunehmend nur noch medizinische Leistungen am Patienten. Auf einer Tagung der Linkspartei Anfang Oktober 2014 beschrieb der für die Diakonie als Pfleger arbeitende Ulli Doelfs, dass der Hintergrund dieser Maßnahmen nicht allein auf den Fachkräftemangel zurückzuführen ist: »Die [Helfer] bringen das Geld rein, die Fachkräfte kosten.« Denn selbstverständlich sind die rasch ausgebildeten Helfer auch schlechter bezahlt als die
Fachkräfte. Politisch ist gegen diesen Personalnotstand ist bislang wenig, wenn nicht gar nichts getan worden. Ein im vergangenen Jahr beschlossenes erstes »Pflegestärkungsgesetz« hat nicht die Grundlage für die Einstellung weiterer Pflegekräfte gebracht. Dafür aber ein Verwirrspiel: 20.000 neue Betreuungskräfte sollen in der Altenpflege eingestellt werden. Dazu Guy Hofmann: »Die Betreuungskräfte, um die es hier geht, bekommen 600 Stunden Anleitung und können dann beim
Einkaufen begleiten oder vorlesen. Sie kommen aber durch den großen Personalmangel immer mehr in die Situation, dass sie pflegerische Tätigkeiten übernehmen müssen, während diejenigen, die examinierte Pflegekräfte sind, dafür keine Zeit mehr haben. Sie müssen das, was die Betreuungskräfte geleistet haben, dokumentieren. Da beißt sich die Katze dann doppelt in den
Schwanz.« Sowohl in Alten- wie auch in Krankenpflege kommt noch ein irrsinniger Dokumentationsaufwand hinzu. Der nimmt dem ohnehin extrem ausgedünnten Personal zusätzlich jede Chance, ihre Arbeit zu erledigen. Exakt das aber – und das ist bislang die Resonanz jeden Gesprächs mit einer Auszubildenden in einem Pflegeberuf – ist der große Wunsch der Lernenden.
Durch die extreme Personalnot in der Pflege wird ihnen das genommen. Es scheint sinnvoll, die Agitation unter Pflegerinnen auf genau diese soziale Komponente zu legen – also auf die Asozialität der Personalnot. Was ist also unsere Aufgabe? Wie wir im vergangenen Jahr an vielen Stellen festgestellt haben ist die Unzufriedenheit in der Pflege groß. Die Motivation der KollegInnen, sich selbst gegen diese Umstände zu wehren schwankt sehr. Häufig sind sie hin- und her gerissen zwischen dem Wunsch die eigene Lage zu verbessern und dem – im Pflegebereich nicht selten anzutreffenden – „schlechten Gewissen“ den PatientInnen gegenüber wenn es bspw. um das Thema Arbeitskampf geht. Hier sollte einer unserer Ansatzpunkte sein. Durch praktische Unterstützung – das hat die Erfahrung gezeigt – sehen die KollegInnen das es nicht „schlimm“ ist für die eigenen Interessen zu kämpfen. Aber auch gezielte Diskussionen mit den KollegInnen müssen Bestandteil unserer Arbeit an
Krankenhäusern sein. Viele KollegInnen ignorieren gekonnt, das es nicht einfach dazu gehört mies bezahlt, gestresst und unterbesetzt zu sein wenn man in diesem Bereich arbeitet. Wir müssen ganz klar herausstellen, dass damit ein Zweck verfolgt wird: Möglichst viel Gewinn aus Gesundheit und Krankheit zu ziehen. Ein Schlüsselmoment kann dabei die Aufdeckung der oben geschilderten „Berechnungsgrundlage“ für die Ausbildung in der Pflege sein. Ziel sollte es immer sein, die
KollegInnen zu aktivieren – sein es zu Arbeitskämpfen oder auch zu kleinen Aktionen wie aktiven Mittagspausen.